Lichtenegg-Projekt „Wir von überall“

Eine Ausstellung zur Geschichte der Migration im Welser Stadtteil Lichtenegg

Präsentation: Herbst 2014

Ein gemeinsames Projekt des Aktiv Team Noitzmühle

und der Welser Initiative gegen Faschismus

1) Lichtenegg

Kaum ein Ort in Österreich erlebte mehr Migration als der Welser Stadtteil Lichtenegg. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges kamen Kriegsgefangene, ZwangsarbeiterInnen und KZ-Häftlinge; später ausgebombte „Reichsdeutsche“ und OsteuropäerInnen. Nach ´45 bewohnten tausende jüdische Flüchtlinge das Lager 1001, ab 1952 wiederum vor allem „Volksdeutsche“ und andere OsteuropäerInnen.

Der Aufstand 1956 in Ungarn füllte das Lichtenegger Flüchtlingslager erneut. Auch Indochina- bzw. Vietnamkrieg hinterließen ihre Spuren, dazu kam die Arbeitsmigration ab den 1960ern. Mit dem in den 1970ern entstandenen Lichtenegger Stadtteil Noitzmühle haben wir heute einen Ort mit besonders vielen MigrantInnen – internationalen einerseits, aber auch viele BinnenmigrantInnen aus  ländlichen Regionen Österreichs andererseits. Interessanterweise ist diese lebhafte, belebende, aber auch mitunter konfliktgeladene Geschichte den EinwohnerInnen des Stadtteils selbst nur wenig bewusst. Um dies zu ändern, wollen wir eine Ausstellung organisieren, in der sich alle Interessierten mit der Geschichte Lichteneggs vertraut machen können.

Wir wollen Geschichte erlebbar machen, anhand „unseres“ Viertels. Von den beiden Weltkriegen und ihren Folgen zu den kommunistischen Machtergreifungen in Osteuropa, vom Ungarnaufstand `56 bis zum Vietnamkrieg, vom Fall des Eisernen Vorhanges bis zu den Jugoslawienkriegen: Alle diese Ereignisse haben ihre Spuren in Lichtenegg hinterlassen. Die jüngere Zeitgeschichte soll anhand der Auswirkungen auf den eigenen Stadtteil erzählt werden und wird somit besser (be-)greifbar.

Es ist nicht unsere Absicht mit der Ausstellung bestimmte politische Botschaften zu transportieren. Persönliche Erlebnisse von MigrantInnen wie auch von „Autochthonen“ können durchaus einfließen, ansonsten wollen wir Fakten vermitteln, keine Thesen.

In Lichtenegg wurde aus vielen alten Heimaten ein neue Heimat: der Stadtteil, wie er nun ist. Diese Entwicklung nachzuzeichnen und die Menschen zu einem Auseinandersetzen mit eigener und „fremder“ Migrationsgeschichte ist unser Ziel.

2) Die Ausstellung

Kern des Projektes werden 30 Schautafeln sein. Jede einzelne Schautafel besteht aus einem oder mehreren Fotos und einem Textteil. Im Textteil soll zuerst das kausale Ereignis für die Migration (Vertreibung, Krieg, Krise…) skizziert werden, dann die Situation in Lichtenegg bei Ankunft der MigrantInnen und die weiteren Folgen (Sesshaftwerdung, Rück- oder Weiterwanderung…).

Die Ausstellung soll ab September 2014 zuerst zwei Monate in der Volkshochschule Noitzmühle gezeigt werden. Ab November 2014 besteht die Möglichkeit die Ausstellung gegen Kostendeckung (für Installation, Werbung, Begleitprogramm) an anderen Orten (z. B. Pfarre St. Stephan, Neue Mittelschule Lichtenegg, Produktionsschule des BFI…) zu buchen.

Im Herbst 2015 soll die Ausstellung ihren endgültigen Platz im neuen Haus der Seniorenbetreuung der Stadt Wels in der Noitzmühle finden (entsprechende Kontakte bestehen bereits). 

3) Rundherum

Als mögliches Rahmenprogramm können Diskussionsveranstaltungen, ZeitzeugInnengespräche,  geführte Präsentationen der Ausstellung oder geführte historische Spaziergänge durch den Stadtteil angeboten werden.

4) Zeitplan

Für die Projektkoordination werden zwei Personen auf Werkvertragsbasis angestellt.

  • Dezember 2013/Jänner/Februar 2014: Interviews und Kontakte, Erstellen der Texte und Sammeln der Fotos (Abklären der Bildrechte) für die Schautafeln
  • März/April 2014: Design der Schautafeln, Detailplanung der Ausstellung (Ort, Eröffnung, begleitende Veranstaltung)
  • Mai 2014: Präsentation des Projektes
  • September – November 2014: Erste Ausstellung in der VHS Noitzmühle
  • Dezember 2014 bis ca. Herbst 2015: Möglichkeit, die Ausstellung zu buchen
  • Herbst 2015: Die Ausstellung soll ihre „endgültige“ Heimat im neuen Haus der Seniorenbetreuung in der Noitzmühle finden

5) Wir: Das Aktiv Team Noitzmühle

Das AktivTEAM enstand aus dem von der Stadt geführten Stadtteilentwicklungsprozesses im Jahr 2009. Das erste Mal hat sich das Team am 2.06.2009 getroffen. Seither gibt es jeden zweiten Dienstag im Monat eine Besprechung. Das Team besteht aus ehrenamtlichen Mitgliedern, die in der Noitzmühle wohnen, und ist am Büro für Frauen, Gleichbehandlung und Integration angedockt. Alle NoitzmühlerInnen sind herzlich willkommen sich aktiv einzubringen und mitzugestalten. Jede Person kann das was sie möchte und auch die Zeit, die sie möchte, einbringen. Es ist eine offene Gruppe ohne Verpflichtungen, aber mit einem Kernteam das aus ca. 12 Personen besteht.

Das Team hat an einem Konzept für eines neues Zentrum gearbeitet, dieses der Politik vorgestellt und sich aktiv in viele Prozesse im Rahmen der Stadtteilentwicklungsarbeit der Stadt eingebracht. Dazu organisiert das Team Veranstaltungen zur Begegnung, wie beispielsweise das jährlich stattfindende Maibaumaufstellen oder die Adventtage. Gemeinsam ist dem Team: das aktive Arbeiten für den Stadtteil, der lebens- und liebenswert ist, wenngleich es Verbesserungen braucht. 

6) Wir: Die Welser Initative gegen Faschismus 

Gegründet 1984, erschöpft sich das Tätigkeitsfeld der Initiative längst nicht mehr nur in klassischer Gedenk- oder Antirassismusarbeit, sondern beackert eine Vielzahl gesellschaftspolitscher Felder: Nun auch die der Lichtenegg. Die Initiative besteht aus einem Kernteam von etwa 20 Personen und fast 150 Mitgliedern. Auch in Lichtenegg ist eine Verankerung gegeben – so leben hier vier der zehn Vorstandsmitglieder. Für ihre Arbeit wurde sie mehrmals ausgezeichnet, u. a. mit dem Solidaritätspreis der Linzer Kirchenzeitung.

Mehrmals hat die Welser Initiative gegen Faschismus auch Ausstellungen organisiert, zuletzt zeigte man 2012 „Eichmann – Der Prozess“ in der Fachhochschule Wels.

Wir meinen, dass sich die beiden Gruppen optimal ergänzen, und aufgrund ihrer lokalen Verankerung und der z. T. jahrzehntelangen Erfahrung ihrer AktivistInnen im Organisieren unterschiedlichster Projekte absolut in der Lage sind, eine Ausstellung dieser Größenordnung zu verwirklichen.

7) Plan für die Schautafeln

  • 4 Schautafeln „Lichtenegger Geschichte bis 1938“: Schloss Lichtenegg, Dragoner Kaserne, Kaiserin „Sissi“ in Lichtenegg, Industrialisierung, Lichtenegg in den 1930ern
  • 5 Schautafeln Lichtenegg 1938 – 1945: der Anschluss an Wels, die Flugzeug- und Motorenwerke, Bombenangriffe auf Lichtenegg, Kriegsgefangene/KZ-Häftlinge/ZwangsarbeiterInnen
  • 3 Schautafeln: Das jüdische Lichtenegg 1945 – 1952
  • 5 Schautafeln: „Volksdeutsche“ und andere osteuropäische Flüchtlinge: Eintracht Wels, Gründung der Pfarre St. Stephan. „PferdemigrantInnen“: Die Spanische Hofreitschule in Lichtenegg (`45 bis ´55)
  • 3 Schautafeln: Ungarnkrise ´56; Entstehung der St. Stephanssiedlung, das „Ungarnhaus“ in der Schulstraße
  • 1 Schautafel: Dora-Little-Haus – der „Wohltätigkeitsverein St. Stephan“
  • 1 Schautafel: Vietnamkrieg, „Boat People“ aus Indochina in Lichtenegg
  • 5 Schautafeln: Arbeitsmigration und Flucht aus Süd- und Osteuropa bzw. der Türkei von den 1960ern bis heute; Entstehung der Noitzmühle, Entstehung von MigrantInnenvereinen, Moscheen etc. – Veränderungen der ökonomischen Strukturen
  • 3 Schautafeln: MigrantInnen aus anderen Teilen der Erde, Südamerika, Afrika, Afghanistan, Pakistan, Syrien, Irak etc.

8) Lichtenegger Geschichte in Jahreszahlen und Zitaten

  • 1450: (in etwa) Im Vorort Bernardin, heute in Lichtenegg, gibt es eine „städtische Siechenanstalt“
  • 1550: (in etwa) Das Wasserschloss Lichtenegg wird von Ludwig von Polheim erbaut
  • 1613: Der Historiker und Genealoge Job Hartmann von Enenkel erwirbt Schloss Lichtenegg
  • Ende 18. Jahrhundert: Durch die Josephinischen Reformen, die eine Verkleinerung von (Pfarr)gemeinden vorsahen, entsteht die von Wels unabhängige Gemeinde Lichtenegg
  • 1832: Die „Noitzmühle“ – ein Blechwalzwerk – eröffnet
  • 1858: Fertigstellung der Dragoner Kaserne, in der Husaren (Kavallerie) und Dragoner (berittene Infanterie)     untergebracht wurden
  • 1864: Gründung der Welser Kunstmühle („Fritschmühle“)
  • 1867: Erwerb der „Noitzmühle“ (Schiffsbauanstalt und Blechwalzwerk) durch Hermann Vielguth, der diese in eine Papierfabrik umwandelt
  • 1869: Lichtenegg zählt 1746 EinwohnerInnen
  • 1879: Im Haus Rosenau Nr. 12 wird ein illegales Bordell ausgehoben. Wohl eine Folge der Kasernenansiedelung.
  • 1881: „Wirt am Berg“ eröffnet
  • 1889: Eröffnung der „Rot- und Weißgerberei Reichart“ („Lederfabrik“) in der Lichtenegger Straße 101
  • 1890:             Marie Valerie, Tochter von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth, und ihr Gatte Franz Salvator von Österreich-Toscana pachten Schloss Lichtenegg. Ihre Kinder Ella (1892) und Franz Karl Salvator (1893) werden hier geboren
  • 1895: Vergrößerung der Maschinenfabrik und Eisengießerei Ludwig Hinterschweiger, Beginn der Produktion von  Ziegeleimaschinen, Transport- und Verladeanlagen
  • 1898: Eröffnung der Trabrennbahn
  • 1928: Gründung der Druckerei Welsermühle
  • 1930: Eröffnung des Welser Tiergartens
  • 1934: Lichtenegg zählt 4058 EinwohnerInnen
  • 1938: Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland wird Lichtenegg zu Wels eingemeindet.

Im Zuge der Kriegsvorbereitungen Errichtung eines Barackenlagers als Notkaserne der Wehrmacht in Lichtenegg

  • 1939: Ausbau der Gießerei Lichtenegg zu den „Flugzeug- und Metallbauwerken“ (FMW)
  • 1940: Errichtung von Kriegsgefangenenlager bei der Trabrennbahn („Franzosenlager“), bei den Nährmittelwerken (an der Maria-Theresien-Strasse) sowie in der Noitzmühle. Das Kleinwasserkraftwerk Noitzmühle wird eröffnet
  • 1940/41: Südtiroler und Volksdeutsche Umsiedler (z. B. Bukowinadeutsche) aus Südosteuropa werden der FMW als Arbeitskräfte zugewiesen.
  • 1943: Im Oktober wird im Herminenhof ein Lager für italienische Militärinternierte eingerichtet. Später werden auch Gefangene aus Frankreich, Jugoslawien und der Sowjetunion hier untergebracht.
  • 1944: 30.05. Fliegerangriff auf die FMW; auch Schloss Lichtenegg wird getroffen 17. 12. Fliegerangriff: Beschädigung des Rennbahnlagers und verschiedener Hallen            auf dem „Reichsnährstandsgelände“, totale Zerstörung durch folgende Brände; Errichtung eines KZ in der Noitzmühle/Traunaustraße (umstritten)
  • 1945: Die Spanische Hofreitschule wird in der Dragonerkaserne untergebracht (bis 1955). Aus der FMW geht unter amerikanischer Militärverwaltung die „Metallbauwerke Wels Gesmbh.“  hervor. Das Lager 1001 wird für v. a. jüdische „displaced persons“ genutzt (bis 1952).
  • 1946: „Gründung der Firma RÜBIG in der Schulstraße 21a. Am Beginn war ein durch Bomben zerstörtes Objekt und viel Optimismus vorhanden – sowie Vater Franz und die Söhne Herbert und Helmut, kurz zuvor aus dem Krieg heimgekehrt. Aus den Trümmern wurde Holz aussortiert und mit alten, zurecht geklopften Nägeln eine Holzhütte gefertigt – die erste ‚Werkstätte‘ entstand.“[1]
  • 1947: Im Lager 1001 sind 1337 Jüdinnen und Juden untergebracht
  • 1948: Die Fußballer des 1 Jahr zuvor im dortigen (Flüchtlings-) Lager 1006 zuvor gegründete SC Neukirchen/Lambach siedeln nach Lichtenegg um; gespielt wird dort, wo heute die Zeltkirche steht. Den Verein kannte man später als Eintracht Wels, heute, nach Fusion mit dem Lokalrivalen Union im Jahre 2003, als FC Wels
  • 1952: Erbauung der ersten Flüchtlingskirche im Lager 1001 durch volksdeutsche und andere osteuropäische Flüchtlinge
  • 1956: Neue Flüchtlingswelle aus Ungarn. Am 11. Dezember treffen die ersten 200 Menschen im Lager 1001 ein.
  • 1960: „Erbaut aus den Mitteln der Nächstenliebe“[2] eröffnet das Dora-Little-Haus für Flüchtlinge in der Stephanssiedlung
  • 1961: Fertigstellung der Flüchtlingssiedlung St. Stephan: ÖsterreicherInnen sowie MigrantInnen aus Jugoslawien, Ungarn, Polen, Russland, Rumänien und der Tschechoslowakei – mit katholischen, evangelischen, orthodoxen und muslimischen Glaubensbekenntnissen ziehen ein
  • 1964: Auflösung des Lagers 1001
  • 1966: Kirchweihe St. Stephan. Die Zeltform soll das Flüchtlingsschicksal der ErbauerInnen symbolisieren
  • 1973:             Baubeginn des „neuen“ Stadtteils Noitzmühle im Westen Lichteneggs

[2] Aufschrift auf einer Tafel am Haus

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