Gedenkkundgebung zur Reichspogromnacht 2017 – Redebeitrag von Charlotte Hermann

Juden wurden über Jahrtausende verfolgt, die Kristallnacht jedoch war der Beginn einer Judenverfolgung, die es in diesem Ausmaß noch nie gegeben hatte.

Die Linzer Synagoge wurde am 9.11.38 zur Gänze niedergebrannt, und genau 30 Jahre – bis 1968 – dauerte es, bis wir wieder eine neue Synagoge bekamen.

Seit diesem Jahr gibt es im Ars Electronika Center die virtuelle Rekonstruktion der alten Synagoge-als ich diese sah, war ich zutiefst berührt und unsere Gemeinde „hauchte der Synagoge wieder Leben ein“, indem wir einen kleinen Gottesdienst dort abhielten.

Aber zurück zum Anfang vom Ende:

Es folgte das, was alle wissen, all jene, die es nicht wagen es zu leugnen:

Sechs Millionen tote Juden waren Menschen, die niemandem etwas getan hatten, sondern einfach nur Juden waren, darunter eineinhalb Millionen Kinder. Auch heute ist die Anzahl der Juden weltweit immer noch nicht so hoch, wie dies vor dem 2.Weltkrieg der Fall war. Vor dem Krieg waren es 16 Millionen weltweit.

Es sind nun schon 79 Jahre vergangen, und es scheint vielen schon sehr lange her zu sein, so dass man oft die Frage hört: „Was geht uns zu das noch an?“.

ABER FÜR DEN HOLOCAUST GIBT ES KEIN ABLAUFDATUM! Und es stimmt ja, direkt hat es mit den meisten nichts mehr zu tun, die meisten Zeitzeugen sind verstorben, bald wird es keine mehr geben. Vieles wurde in den Familien verschwiegen und daher gibt es keinen direkten Bezug mehr zum Holocaust.

Dass Nazis ihre Vergangenheit verschwiegen haben, ist klar, aber es gibt noch immer traumatisierte Juden, die ihre Vergangenheit und sogar ihren Glauben!!! verbergen. Ein fast unglaublicher Fall stammt aus Ungarn.

Csanád Szegedi war Mitbegründer der rechtsradikalen Jobbik Partei in Ungarn, er hetzte gegen Juden, Roma und Sinti – in einer Form, wie es Hitler tat.

Es stellte sich aber heraus, dass seine Großmutter in Auschwitz inhaftiert war und aus Angst vor Repressalien ihr Judentum vor ihrer Familie verheimlichte.

Die tätowierte Nummer am Arm versteckte sie durch das Tragen von langen Ärmeln ihr Leben lang.

Er besuchte Auschwitz, ist mittlerweile Mitglied einer orthodoxen jüdischen Gemeinde und sehr viel in Israel.

Das Schicksal zweier in Oberösterreich lebenden Frauen gibt ein weiteres Beispiel für die verschwiegene Vergangenheit und bildet gleichzeitig ein starkes persönliches Erlebnis von mir.

Vor ca. zwei Jahren kontaktierten mich fast zeitgleich zwei Damen, eine aus Tschechien stammend und die andere aus Ungarn. Sie wollten „uns einmal kennenlernen“ sagten sie.

Im Verlaufe des Gespräches hat sich herausgestellt, dass beide Frauen durch Zufall nach Recherchen in ihren Geburtsländern erfahren hatten, dass sie Jüdinnen waren.

Die Eltern der Frauen hatten unglaubliche Angst auf Grund der Erfahrungen aus der Geschichte, sodass sie ihre tatsächliche Herkunft vor ihren Töchtern verheimlichten.

Beide Damen wussten nicht, wie sie mit dieser Tatsache umgehen sollten. Unabhängig voneinander konnten sie sich nicht entschließen, sich tatsächlich zum Judentum zu bekennen, dies ausdrücklich aus Angst und wegen des wieder ansteigenden Antisemitismus.

Für die Nazis waren die Juden keine Menschen. Sie bekamen eine Nummer und so war es leicht, eine Nummer zu ermorden, nicht eine Mutter, ein Kind, einen Greis, es waren Nummern und eben Juden, oder,wie sie noch bezeichnet wurden: Ungeziefer, Ratten, Krebsgeschwüre.

Viele stellen sich die Frage: Warum haben sich die Juden nicht gewehrt? Eine mögliche Antwort ist, dass sie nicht an das total Böse geglaubt haben, sie dachten, es könne ja nicht so schlimm werden, bis es zu spät war. Ein fataler Fehler!

Durch regelmäßige Führungen, die ich in der Linzer Synagoge abhalte, bekomme ich, egal ob von Erwachsenen oder auch von Kindern im Volksschulalter, interessante Fragen gestellt wie:

Warum mag man die Juden denn nicht?

Das frage ich mich auch immer wieder. Haben Sie eine plausible Erklärung?

Einmal sagte ein 11-jähriges Mädchen zu mir: Sie sehen gar nicht wie eine Jüdin aus! Ich war einerseits amüsiert und dachte dabei, welche Vorstellung ein elfjähriges Kind davon hat, wie eine Jüdin auszusehen hat.

Es kommen aber auch klischeehafte Fragen wie:

Sind alle Juden reich? Regieren die Juden die Welt? Dominieren sie das Finanzwesen und die Medien?

Begrüßenswert ist, dass Schüler heutzutage das Wissen über den Holocaust überwiegend aus dem Unterricht beziehen und teilweise Schulen nach Mauthausen fahren.

In meiner Schulzeit endete der Geschichtsunterricht mit dem 1.Weltkrieg! Den 2. Weltkrieg gab es einfach nicht.

Unsere Aufgabe wäre es, so viele wie möglich zu sensibilisieren.

Kinder müssen die Tatsachen erfahren, bevor sie von den Vorurteilen der Erwachsenen „vergiftet“ worden sind.

Der nie verschwundene und latente Antisemitismus ist leider wieder salonfähig geworden und tritt in den verschiedensten Formen wieder auf.

Ich nenne ein Beispiel, was einer Dame aus unserer Gemeinde vor Kurzem passiert ist, die selbst als Kind mit ihrer Familie vor den Nazis flüchten konnte. Sie ging zu einem Termin bei einer Kinesiologin, das erste Mal, diese wusste nicht, dass sie eine Jüdin ist.

Sie unterhielten sich – unter anderem über die schlechte Wirtschaftslage –  und prompt sagte die etwa 35-jährige Kinesiologin: An dem Ganzen sind nur die paar Juden in Amerika schuld.

Vor einigen Jahren sagte eine Schuldirektorin in Niederösterreich zu zwei jüdischen Mädchen, die von muslimischen Kindern beschimpft wurden, es wäre besser, sie würden nicht sagen, dass sie Jüdinnen seien!

Das passiert heutzutage.

Der Antisemitismus heutzutage kommt nicht nur aus dem rechten Eck, er ist in allen politischen Lagern bis hin zu ganz links deutlich vertreten, auch wenn das nicht gerne gehört oder geleugnet wird.

In den sozialen Netzwerken ist die Hemmungslosigkeit kaum zu übertreffen.

Studentenvertreter des Wiener Juridicum posteten sogenannte „Judenwitze“, verhöhnten Anne Frank, machten rassistische Äußerungen, wie: „Wo ist das Schornstein-EMOJI“!

Diese Meldungen kamen nicht von den Rechtsextremisten. Es handelte sich offensichtlich um gebildete Menschen, Studenten, denen es anscheinend zu gut geht, um zu verstehen, was sie da von sich geben. Anscheinend hat bei diesen Personen der Geschichtsunterricht vollkommen versagt.

Sehr bedauerlich ist, dass durchaus gebildete Personen in Österreich die 6 Millionen jüdischen Opfer in Frage stellen und über die logistischen Möglichkeiten in den Konzentrationslagern diskutieren mit der Begründung, „das wäre rein rechnerisch nicht möglich“!

Dieselbe Thematik wurde auch Teil eines Gerichtsprozesses, in dem der Pflichtverteidiger eines wegen Hasspostings Angeklagten in seinem Schlussplädoyer die Gaskammern im KZ Mauthausen infrage stellte.

Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen gegen den Rechtsanwalt ein. Der Weisungsrat im Justizministerium sah keine Straftat!

Wenn Aussagen wie diese ungestraft bleiben können, was folgt noch?

Da wird eine Hintertür geöffnet, deren Folgen verheerend sein können.

Nicht zuletzt kommt der Antisemitismus leider auch aus muslimischer Richtung.

Tätliche Übergriffe auf Juden, vor allem in Frankreich, aber auch anderen europäischen Ländern sind leider fast alltäglich.

Eines möchte ich hier aber explizit anmerken. Man hört immer wieder von dem Vergleich, dass die heutige Islamophobie der Antisemitismus von früher sei. Dagegen möchte ich vehement protestieren! 6 Millionen Juden wurden ermordet, weil sie Juden waren, obwohl sie keinem etwas angetan hatten. Als zu Beginn der 90er Jahre Muslime vor dem Balkankrieg flüchteten, gab es keine Islamophobie und keine Angst vor dem Islam. Diese kam erst zum Vorschein, als die terroristischen, hetzerischen, brutalen Aktivitäten, die im Prinzip mit dem Islam nichts zu tun haben, sondern nur in dessen Namen begangen werden, begannen.

Wenn die Jüdische Gemeinde in Deutschland ihre Mitglieder auffordert, eher nicht die Kippa zu tragen, oder die deutschsprachige „Jüdische Rundschau“ anbietet, die Zustellung ohne Absender zu tätigen, dann müssen die Alarmglocken läuten!

Ich fühle mich nicht wohl dabei und frage mich: Ist es wieder soweit, dass wir die Koffer packen müssen? Ich kenne Familien, gläubige Familien, die Angst haben, an ihrer Eingangstür eine Mesusa anzubringen. Darf das heutzutage sein?

In vielen Fällen handelt es sich um den sogenannten „importierten Antisemitismus“, der eine neue Form und – wie man in Fachkreisen behauptet – eine neue Qualität des Antisemitismus darstellt.

Was damit gemeint ist, kann ich mit einem persönlichen, aber doch positiven Beispiel erklären.

Voriges Jahr stand plötzlich ein Asylwerber vor unserer Gemeinde Er sprach schon sehr gut Deutsch und erzählte, in seiner Heimat hassen alle die Juden und er verstehe das nicht, er kenne ja keine Juden. Er erzählte auch, dass schon in der Volksschule die Lehrerin immer sagte, die Juden seien Monster, schlecht, Mörder usw. Das heißt schon die Kinder werden mit antisemitischem Gedankengut vergiftet- dem entgegenzuwirken ist für unsere Gesellschaft eine große Herausforderung.

Nach den Anschlägen in Paris hat Premierminister Netanyahu die Juden Frankreichs aufgefordert nach Israel auszuwandern, und nicht wenige sind diesem Aufruf gefolgt. Ich wurde des Öfteren gefragt, wie man in ein Land auswandern könne, in welchem es ständig Krieg und Terroranschläge gibt. Der erste Gedanke sagt einem, das ist unlogisch, aber als Jude fühlt man sich bei einer Bedrohung sicherer, wenn man unter Juden ist- eine gemeinsame Gefahr sozusagen.

Ich stimme der Aufforderung des Premierministers jedoch nicht zu. Warum sollen die Juden, die in Ländern außerhalb Israels geboren sind, dort aufgewachsen sind, ihren Lebensmittelpunkt dort haben, das Land, in dem sie sich bis vor kurzem wohlfühlten, verlassen?

Die Regierungen dieser Länder haben dafür zu sorgen, dass sich jeder, egal welcher Religionsangehörigkeit, sicher fühlt. Das ist deren Aufgabe. Nur eines ist uns Juden auch klar. Ohne den Staat Israel wären wir wahrscheinlich fast wie „Freiwild“, um es betont provokativ zu sagen.

Bei den erwähnten Führungen in der Synagoge werde ich immer wieder gefragt, welche Bedeutung für uns Juden der Staat Israel hat. Meine Antwort darauf ist ganz klar: Der Staat Israel ist unser Rückgrat. Ich erlaube mir auch soweit zu gehen und mit Sicherheit zu behaupten: Hätte es den Staat Israel in den 30er Jahren gegeben, hätte es keinen Holocaust gegeben, und anders herum, hätte es den Holocaust nicht gegeben, hätte es den Staat Israel vielleicht nicht so schnell gegeben.

Israel wird immer wieder ob seiner militärischen Übermacht kritisiert, aber schon die ehemalige Premierministerin Golda Meir sagte: „Wenn die Araber ihre Waffen niederlegen, gibt es keinen Krieg mehr, aber wenn Israel seine Waffen niederlegt, gibt es kein Israel mehr.“

Und bitte an all diejenigen, die jetzt am liebsten aufschreien würden: Ja, aber die Siedlungen sind schuld – zur Zeit der Staatsgründung gab es keine Siedlungen!

Nur um eines klarzustellen:  Kritik an Israels Politik ist durchaus erlaubt, aber manche Israelkritiker verstecken den offensichtlichen Antisemitismus unter dem Deckmantel, nur die Politik kritisieren zu wollen:

Wenn zur Kennzeichnung und zum Boykott (BDS) von Waren aus den besetzten Gebieten aufgerufen wird, so erinnert mich das mit großem Entsetzen an das „Kauft nicht beim Juden“.

Der Ministerrat beschloss im April dieses Jahres die „Antisemitismusdefinition“:

Besonders hervorzuheben ist:  „darin sind auch Formen des Antisemitismus, die sich hinter der sogenannten ‚Israelkritik‘ verstecken, benannt worden. Besonderheiten wie u. a. Maßstäbe betreffend das Verhalten des Staates Israels (double standards), die bei keinem anderen demokratischen Land Anwendung finden, sind Teil dieser Definition.“ (APA, 25.4.2017)

Hiermit möchte ich all denen, die sich als politisch korrekte Israelkritiker präsentieren, sagen, dass ohne die uneingeschränkte Anerkennung des Staates Israel, dem einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten, die Juden nirgendwo sicher wären.

Kein Land ist bereit oder fähig den Juden weltweit zur Seite zu stehen – das hat uns die Geschichte gelehrt.

Solange es den Staat Israel gibt, wird es von keinem Bahnhof der Welt jemals wieder Deportationszüge geben.

DAS müssen die „NUR“ Israelkritiker zur Kenntnis nehmen!

Das, meine Damen und Herren, muss jedem von Ihnen bewusst sein.

Leider sind wirtschaftliche Interessen dem oft im Weg.

Es gibt österreichweit jährlich viele Gedenkveranstaltungen, danach aber geht das Leben in gewohnter Weise weiter, was ganz natürlich und einerseits auch gut ist.

Ich halte es aber für wichtig, nicht bis zum nächsten Jahr zu warten, um über die Katastrophe nachzudenken und Vorsätze zu machen, sondern zu versuchen im Alltag präventiv der nicht allzu unrealistischen Bedrohung aus diversen Richtungen entgegenzuwirken.

Denn die Überlegung, es kann ja nicht so schlimm werden, hat 6 Millionen das Leben gekostet!

Dr. Charlotte Hermann ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz. 

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