Gedenkkundgebung zur Reichspogromnacht 2017 – Rede von Katharina Stemberger

Meine lieben antifaschistischen Freunde, sehr geehrte Damen und Herren!

Wir sind heute hier in Wels zusammengekommen, um der November-Pogrome zu gedenken. In dieser Nacht vom 9. auf den 10 November 1938 geschah etwas, was man bis dahin für undenkbar hielt. Gesellschaftlich geforderte und staatlich, von der Regierung organisierte Gewalt verging sich auf brutalste und menschenverachtendste Weise an einer ethnischen und religiösen Minderheit. Die Reichskristallnacht war nicht der Grundstein, sondern der Startschuss zum Holocaust. Der Grundstein wurde viel früher gelegt, und sie werden jetzt innerlich nicken und denken, ja, das war wohl die Wirtschaftskrise der 20er Jahre, die Zwischenkriegszeit, der Zusammenbruch der Weltordnung am Ende des Ersten Weltkrieges – oder vielleicht sogar ein historisches Ereignis viel früher. Sie haben recht. Und gleichzeitig irren Sie.

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Reichskristallnacht – was ist das für ein Wort für die brutale Plünderung und Ermordung unserer Mittbürger und unmittelbaren Nachbarn? Reich – Kristall – Nacht. Mit dem Reich ist wohl der damals demokratisch legitimierte Staat gemeint. Das Kristall bezieht sich auf die zerbrochenen Scheiben jüdischer Häuser, die Scherbe wird Kristall genannt und meint den Reichtum, den man den Juden zuschrieb, um genauer zu sein, von dem man meinte, sie besäßen ihn zu unrecht, sie wären also im Besitz von etwas gewesen, was eigentlich jemandem anderen, nein, nicht jemand anderem, jemand von uns, dem Volk, gehören sollte. Darum bezieht sich der Begriff der Nacht auch nicht bloß auf die Tageszeit des Geschehens, sie spiegelt vielmehr die Anmutung der Szenerie, Flammen schlagen auf, werfen Schatten an die Hauswände, aber vieles bleibt im Dunkeln, anonym, geschützt, keiner konnte sehen, wer dabei war und wer nicht.

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Ein einzelnes Wort, kreiert aus drei Begriffen, ist die Essenz eines Narrativs, wie wir das heute nennen, eines Narrativs, das nicht wegen der Wirtschaftskrise oder des Ersten Weltkrieges, nicht wegen einer Neuordnung Europas geschaffen wurde – sondern einzig und allein aus dem Streben danach, sich selbst überzuordnen, besser – nein – mächtiger sein zu wollen als eigene, unmittelbare Nachbarn, deren Kinder mit den eigenen in dieselben Schulen gingen.

Ein einzelnes Wort, kreiert aus drei Begriffen, wurde zur Essenz des Hasses.

Eines muss uns allerdings klar sein. Dieses Narrativ war nicht vom Himmel gefallen. Schon gar nicht über Nacht. Die Essenz des Wortes Reichskristallnacht ist die Vollendung, die Perfektion eines lange vorbereiteten, gepflegten, gesellschaftsfähig gemachten Gedankens, dem Rassismus und Menschenverachtung zugrunde lagen. Heute, im Rückblick, wissen wir das, und in diesem Rückblick fragen wir uns immer wieder: Wie konnte das geschehen? Wie war das möglich?

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So, wie sich im Wort Reichskristallnacht nichts Menschliches findet, jedes Schicksal, jeder Mensch verschwiegen, ausgeblendet wurde, so gingen wir nach dem Krieg dazu über, das Böse schlechthin an einer Fratze festzumachen. Hitler ist der Teufel, meine Damen und Herren, sie nicken, denn wenn Hitler der Teufel ist, braucht niemand anders diesen Platz einzunehmen. Indem wir dem Teufel das Gesicht eines einzelnen Menschen gegeben haben, haben wir das Böse schlechthin aber wieder entmenschlicht. Wenngleich wir uns damit für schuldlos erklärt haben.

Was ich damit sagen will, ist, dass der Gedanke das Wort formt, das Wort formuliert die Tat. Eine einzige Silbe reicht aus, um aus einem Menschen einen Unmenschen zu machen.

Die Asche von Auschwitz, Millionen der Ausrottung preisgegeben, die Trümmer des Bombenhagels auf Dresden, Generationen von traumatisierten Töchtern und Söhnen von Opfern. Und Tätern. Eine einzige Silbe!

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Neunundsiebzig Jahre später finden wir uns auf einem Kontinent wieder, auf dem seit sieben Jahrzehnten Frieden herrscht. Wir leben in einer Gesellschaft mit den höchsten sozialen Standards seit Menschengedenken. Unser Wohlstand, der Luxus, in dem wir existieren dürfen, dieser unfassbare Reichtum – keine Legende, kein Märchen vermag das zu übertreffen. Wir leben in Frieden! Wir leben in Sicherheit. Jedes Kind darf nicht nur in die Schule gehen, es muss lernen! Was ist das für ein Privileg! Überall sind Spitäler und Ärzte in nächster Nähe, rund um die Uhr bereit zu helfen, wenn Not ist. Jeder wird versorgt, keiner wird zurückgelassen.

Jeder? Oder beginnen wir wieder zu unterscheiden? Die – und wir?

Manche werden denken, ja, aber wenn wir nicht… dann können wir nicht… man muss ja… sonst werden wir….

Weder können wir die ganze Welt alleine retten, noch müssen wir. Aber wir müssen, geschätzte Zuhörer, unseren Taten Worte zugrunde legen, die wir weise wählen. Und wenn wir die Worte nicht finden, dann fehlen die Gedanken.

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Welcher Gedanke, frage ich Sie, liegt der Forderung zugrunde, Mindestsicherung für eine Gruppe von Mitmenschen, Nachbarn, Nächsten zu kürzen? Welcher Teil des Wortes „Mindestsicherung“ ist jenen, die mutmaßlich keine Deutschdefizite haben, dabei unverständlich?

Nein, meine Damen und Herren, das ist kein parteipolitisches Statement. Leider. Denn längst bedienen sich die drei Parteien, die 85% der Wählerstimmen repräsentieren, dieser Worte, dieser Sprache, dieses Narrativs. Die – und wir. Suggerierend, dass wir die Besseren sind, jenen, denen etwas weggenommen wird von ihren goldenen Tellerchen, jedenfalls aber: Wir, die Opfer.

Welcher Gedanke, frage ich Sie, liegt der Forderung zugrunde, Familienbeihilfen, auf die Arbeitnehmer Anspruch erworben haben, nicht ins Ausland zu transferieren? Oder anders gefragt: Welches Geld ist sinnvoller investiert als in die Zukunft der Kinder – gerade über Grenzen hinweg?

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Nein, es ist noch immer kein parteipolitisches Statement. So entstehen Narrative, so schleicht sich ein Sprachgebrauch ein, so sinkt die Schwelle, ehe die Dämme brechen. Wie daraus ein Narrativ entsteht, fragen Sie?

Vor kurzem fuhr eine Bekannte von mir zu einem dieser großen Supermärkte in der Stadt, um einzukaufen. Sie parkte den Wagen in der angeschlossenen Tiefgarage, nahm sich einen Einkaufswagen und stellte sich zu den Liften. Links neben ihr ein Ehepaar, beide Ende 50, aus der Mitte unserer Gesellschaft, wie man so schön sagt. Rechts neben ihr tanzte ein kleines Mädchen, vier oder fünf Jahre alt, schulterlanges, schwarzes Haar. Auch ihre Mutter gesellte sich zu den Wartenden. Meine Bekannte war angetan von dem Mädchen und ihrem kindlichen Tanz, lächelte zuerst das Kind an, dann das Ehepaar. Der Mann sah sie an, und sagte: »Auf den Misthaufen mit ihr. Und anzünden.« Seine Frau nickte zustimmend. Das Ehepaar stieg allein in den Lift ein. – Nein, nicht das Ehepaar ist der Einzelfall, verehrte Zuhörer, sondern meine über neunzigjährige Bekannte. Sie hat als Kind das KZ Theresienstadt überlebt.

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Wir gedenken heute der Nacht, in der die Minderheit der Juden verfolgt, ermordet, beraubt wurde, und in der die Menschen hinter den Schicksalen aufhörten, in unserer Erzählung zu existieren, wie wir heute aus vielen Untersuchungen und Recherchen wissen, hörten mit diesem Tag die Menschen, die Bürger des Landes, des Staates, des Reiches, auf, ihre ehemaligen Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde, Mitschüler, in Erzählungen mit Namen zu nennen – sie waren nur noch Die.

Die Namen verschwanden aus den Erzählungen, die Menschen, und dem Narrativ folgte die Tat. Über sechs Millionen Taten.

»Wir lernen aus der Geschichte, dass wir aus der Geschichte nichts lernen«, ist beispielsweise eines der Mantras, die Intellektuelle gerne vor sich hertragen. Es sind Sätze wie dieser, mit denen die Selbstzerfleischung Manifest wird, die Ausweglosigkeit Prinzip, das Scheitern ein Muss.

»Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen«, ha ha, das ist lustig. Wollen Sie in einer Welt ohne Visionen leben? Ich will es ganz gewiss nicht.

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Es ist nicht der Glaube, der unsere Gesellschaft zusammenhält, die politische Haltung ist es nicht, unsere Arbeit ist es nicht, und es sind nicht die Gesetze, und nicht der Staat: Und dennoch kommen wir zusammen zu Veranstaltungen wie dieser, hören einander zu und erinnern uns – gemeinsam – an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte, an das schlimmste, unverzeihlichste und grausamste Fehlverhalten, das eine Gemeinschaft von Menschen verbrechen kann.

Wir kommen zusammen, weil wir aus der Geschichte lernen wollen und werden, und weil wir eine Vision unserer Zukunft aufbauen wollen – jeder für sich und alle zusammen. Auch das ist nicht neu.

Neunzehnhundertachtundvierzig, genau 10 Jahre und 1 Monat nach den Novemberpogromen, fanden sich die Länder dieses Planeten zusammen und formulierten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Sie werden von den Menschen niedergeschrieben, die die Hölle gesehen haben, die gesehen haben, zu welchen Taten unsere Worte führen können, die gesehen haben, welch zerstörerische Kraft die Vision von wenigen hat, wenn Viele keine Vision mehr davon haben, wie sie leben wollen.

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Und das ist es, worauf ich hinaus will. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte formuliert nicht, was wir nicht wollen, sondern wie wir wollen, dass unsere Welt ist. Sie sind eine Absichtserklärung – ohne juristische Wirkung! – und trotzdem behaupte ich, dass sie unsere Existenz, speziell in Europa, geformt haben.

Europa. Die Zäune der Schrebergärten der Nationen werden wieder höher, die Thujenhecken dichter. Wir setzen uns zusammen und erzählen einander, was wir alles nicht wollen. Wie leicht das ist. Wie billig. Und wie grausam.

Der Publizist und Zukunftsforscher Robert Jungk wurde 1913 in Berlin geboren und starb 1994 in Salzburg. Ein Jude, der zwei Kriege überlebte und wegen des um sich greifenden Hasses Anfang der 30er Jahre emigrieren musste, verstand Utopien als Antrieb für soziale Erfindungen in einer wünschenswerten Zukunft. Er formte ein Gegenkonzept und suchte einen Weg aus der Spirale des Hasses, forderte eine Demokratisierung des utopischen Denkens durch Förderung der Phantasie und begriff dies als politisches Mittel, um angesichts gesellschaftlicher Krisen nicht in Passivität und Resignation zu versinken!

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Ich will Frieden. Nicht nur für die Lebenszeit meiner heute sechzehnjährigen Tochter, und nicht nur in Europa. Ich will, dass wir Verantwortung für einander übernehmen und dabei genau sind: Ich will, dass diese Verantwortung nicht am Brenner endet, nicht am Walserberg, und nicht in den Konzentrationslagern von Libyen. Ich will, dass jeder Mensch das gleiche Recht hat, auf dieser Welt selbstbestimmt und in Freiheit zu leben. Ich will, dass Freiheit bedeutet, an jeden Ort gehen zu können. Ich will, dass Bücher gelesen werden, und nicht verbrannt. Ich will, dass Sprache der Verständigung dient und nicht der Abgrenzung. Ich will, dass Sprache Kunst ist. Immer. Ich will, dass aus Mitleid Empathie wird. Ich will die Zuversicht gegen die Angst stellen, den Mut gegen den Hass.

Reichskristallnacht. Was für ein hinterhältiges Wort.

Die 30 kurzen Absätze der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zeigen uns, wie wir der Entmenschlichung entgegentreten können, indem sie Wort für Wort die Einzigartigkeit, den Wert und die Würde jedes Einzelnen formulieren. Lassen Sie uns diese Worte verwenden, um unsere Welt zu formen. Und endlich wieder Visionen zu haben.

Mit jeder einzelnen Silbe.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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