Gedenkkundgebung zur Reichspogromnacht 2017 – Redebeitrag von Katharina Gusenleitner

IMG_6750

Rede zur Gedenkkundgebung für die Opfer von Rassismus und Fremdenhass

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Menschen,

im Namen der Welser Initiative gegen Faschismus bedanke ich mich, dass sie sich heute zum Gedenken für die Opfer von Rassismus und Fremdenhass hier versammelt haben. Ich darf mich auch vorab bei den beiden Hauptrednerinnen sozusagen bedanken, Dr.in Charlotte Herrmann, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz sowie bei der Schauspielerin Katharina Stemberger. und ebenso beim Evangelischen Posaunenchor Wels unter der Leitung von Mag.a Rosemarie Dobringer für die musikalische Umrahmung.

Mit ein paar persönlichen Worten möchte ich diese Kundgebung beginnen:

Heute wollen wir gemeinsam gedenken, uns gemeinsam entsinnen und gemeinsam aufstehen gegen Ungerechtigkeiten und Herabwürdigungen, Xenophobie und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gemeinsam aufbrechen, damit es uns vielleicht zukünftig besser gelingen mag, Unmenschliches und Grausamkeiten zu verhindern bzw. irgendwann zur Gänze hinter uns zu lassen. Könnten wir uns nicht erinnern, nicht gedenken, nicht davon berichten, erzählen, mahnen und aufklären – wäre es wohl so, als wären diese Verbrechen an der Menschheit im Gesamten und an Menschen, Frauen, Kindern, Männern im Einzelnen nie passiert. Ich denke, es ist an der Zeit zu warnen und auf die Gefahren hinzuweisen, die die neusten politischen Entwicklungen in dieser kleinen demokratischen Republik mit sich bringen. Ich, grundsätzlich was Entwicklungen in Politik betrifft bisher immer noch mit einer gehörigen Portion Optimismus ausgestattet, sehe mittlerweile keine Schattierungen von Grau mehr sondern einfach nur noch Schwarz, sollte sich nichts ändern in den nächsten Jahren. Und ich spreche wirklich von positiven Veränderungen für Menschen, nicht wie ein gewisser mit einem hohen Maß an Selbstbewusstsein ausgestatteter Jüngling, der zwar ständig von Veränderungen spricht doch im Endeffekt allem Anschein nach möchte, dass sich gar nichts ändert außer sein Machtanspruch vielleicht. Menschen ganz egal welcher Herkunft, sexuellen Orientierung, welchen Alters, sozialen Backgrounds, Weltanschauung, etc. solllten den Anspruch haben, sich in dieser demokratischen Republik sicher, menschenwürdig behandelt und abgesichert zu fühlen.

Worauf steuern wir also zu bzw. warum beziehe ich mich immer wieder auf Österreich als demokratischer Republik? Ich denke, dass diese unsere Staats- und Regierungsform auf wackeligen äußerst filigranen Beinen steht. Wohin hat uns also diese Wahl schon wieder geführt? Trotzdem ist diese Demokratie die einzig mögliche Staatsform, die es gibt, alles andere ist indiskutabel oder mit Winston Churchills Worten zu sprechen:

„Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“ Immerhin ist sie auch die einzige Staatsform, die neben dem Willen des Volkes auch Minderheiten- und Menschenrechte sowie die Gewaltenteilung vorsieht.

Zunächst bevor wir darauf eingehen, was denn überhaupt alles möglich ist, würde ich Ihnen heute das Rezept der Xenophobie, des Fremdenhasses, des Rassismus und anderer Grausamkeiten, die in Verbrechen gegen Menschen im Einzelnen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Gesamten ausarten können, mitgeben, denn dieses stellt den fruchtbaren Boden für undemokratische Verhältnisse dar.

Nehmen Sie eine ordentliche Menge des Bedürfnisses bzw. Strebens nach Macht, Dummheit im Sinne von Ignoranz gegenüber Menschen, hetzerische Propaganda, Mythen wie Überfremdung (Xenos sind wir doch alle), eine manipulative oder soll ich sagen manipulierte Medienlandschaft, sowie Menschen, die sich aufhetzen lassen und Sie haben den Salat. Dazu kommen Grenzen und Nationalstaatlichkeiten, die dem Ganzen die richtige Würze geben. Die Errungenschaften der Aufweichung von Nationalstaatlichkeit und von Grenzen, die ich als eine der entscheidensten Entwicklungen seit dem 2. Weltkrieg erachte und in Verkleidung der Europäischen Union zumindest teilweise ihre Umsetzung fanden, scheint durch das Streben nach Abgrenzung in jeglicher Form ein langsames Ende zu finden.

Das ist sozusagen der Grundstein, um demokratische Verhältnisse ins Wanken zu bringen, Das wahrlich Erschreckende ist, dass man das Gefühl hat, der Aufschrei wäre 2000 lauter gewesen. Irgendwie scheint es so, als hätte sich ein Groß der Bevölkerung damit abgefunden, wenig an den Schaden für die Bevölkerung bzw. gar an die Reputation der Alpenrepublik im Ausland denkend, wenn höchste Ämter im Staat an mehr als fragwürdige Gestalten vergeben werden. Der junge Dirigent nimmt das alles aus karrieristischen Gründen nicht nur in Kauf, sondern arbeitet fleißig daran, selbst einer der Demonteure der Demokratie zu werden.

Um Ihnen meine Vorstellungen, von was alles möglich sein kann, näherzubringen, brauche ich lediglich die Definition der autokratischen Staatsform zu verlesen:

Als Autokratie wird in der Politikwissenschaft eine Herrschaftsform bezeichnet, in der eine Einzelperson oder Personengruppe unkontrolliert politische Macht ausübt und keinen verfassungsmäßigen Beschränkungen unterworfen ist.

Ja, ich denke das kann passieren und wir steuern auf ein großes Ungeheuer zu, wenn sich immer mehr europäische Nationalstaaten in autokratische oder Autokratie-ähnliche Systeme zu verwandeln drohen.

Österreich ist vermutlich auf dem besten Weg dorthin: der stetige Zerfall kritischer/unabhängiger Medien, ein Mann mit hohem Machtanspruch an der Spitze, rechte oder gar rechtsextreme Gestalten als weitere ProtagonIstinnen, die Zuwanderung als deklariertes Grundübel, die Kumulation von islamophoben, rasisstischen, antisemitischen und neonazistisch begründeten Straftaten in real life und im Netz, oder sollte ich besser von sogenannten Einzelfällen sprechen, der Abbau der Sozialstaatlichkeit, das langsame Aushungernlassen von Organisationen, die sich um Menschen kümmern, die Beschneidung des Zugangs zu Bildung aber am wohl am entscheidensten könnte die langsame Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit sein. Das Suchen nach gesetzlichen Schlupflöchern, wie immer weniger AkteurInnen immer mehr alleine entscheiden können, hat bereits begonnen.

Es ist keinesfalls meine Intention, Angst zu verbreiten. Ich möchte nur realistisch bleiben und mich keinem verklärten Blick auf die Wirklichkeit hingeben. All das muss aber nicht eintreten bzw. weitergehen. Ich denke wir haben es in der Hand entschieden gegen Unrecht aufzutreten und uns zu widersetzen. Das Schlimmste wäre jetzt in Angst zu verharren. Zu erstarren. Das Schlimmste wäre die Resignation.

Bitte behalten wir dennoch im Auge: Schreckliches kann immer passieren, auch in Europa wenn wir es zulassen. Trotz friedenserhaltenden Projekten wie der Europäischen Union, trotz des Bestehens der Vereinten Nationen, trotz der Existenz von Grund- und Menschenrechten in Europa. Ich bitte darum, an den erst 1995 verübten Genozid an Bosniaken in Srebrenica während des Bosnienkrieges zu erinnern. Die Massaker passierten in Europa, lange nach Gründung der Vereinten Nationen.

„Hatred and discrimination – if left unchallenged – can lead to horrendous evil. We must never say it could not happen here. In Srebrenica it did“, so Very Reverend Lorna Hood der General Assembly der Church of Scotland im Buch des Todesmarsches von Srebrenica Überlebenden Hasan Hasanovic. Und so schreibt Maureen Sier, Director of Interfaith Scotland, im Vorwort von Hasans Buch „Surviving Srebrenica“:

„Hasan, in memory of his father and brother, wants his story told to strenghten, encourage and challenge – to strehghten those whos work for peace and justice to continue; to encourage those who stand at the side lines to get involved and help build a better world; and to challenge those whos seek division and hatred to think again and see the world is tired of their ways. A new world is possible but only if we build it together.“

Wir hatten das Glück, Hasan zu treffen. Dieser Mann  hat die Hölle erlebt, trägt aber keinen Hass in sich, nur viel Hoffnung und das Glühen für Frieden.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s