Salafismus als Massenphänomen?

Thomas Rammerstorfer sprach zum Thema mit dem Politikwissenschafter und Islam-Experten Thomas Schmidinger:

Der Salafismus als Massenphänomen in Europa – wie kommt das?

Man muss differenzieren zwischen der Entwicklung in der Nahostregion und Europa. In Europa bietet der Neo-Salafismus eine sehr starke Identität, eine fast schon mythische Erzählung für junge Muslime an. Er bietet ihnen an, Teil einer großen und starken Gemeinschaft, der Umma zu sein. Damit überwindet er die nationalen Teilungen der Eltern- und Großelterngeneration, die nach Westeuropa migriert sind. Das ist eine starke Gegenerzählung, eine starker Gegenentwurf zur europäischen Gesellschaft. Und er gibt der Diaspora-Situation einen Sinn, die Salafisten ziehen ja immer Analogien zur Hidschra , zu Mohammed und seinen Gefährten, die ja auch in der Fremde waren in der Frühzeit des Islam und den Muslimen heute in Europa. Das scheint ein attraktives Angebot zu sein für radikalisierte Jugendliche. Aber der Neo-Salafismus ist auch für Jugendliche ohne muslimischen Background mit anderen Entfremdungserfahrungen attraktiv. Wir haben ja schon viele KonvertitInnen, die gerade in dieser Szene oft wichtige Kommunikations- und Führungsaufgaben erfüllen. Der Neo-Salafismus wird heute mehr und mehr auch ein Phänomen von Personen aus der Mehrheitsgesellschaft, die unterschiedlichste Formen von Krisen durchmachen. Da sammeln die neo-salafistischen Führer so Figuren auf, die früher vielleicht bei Sekten gelandet wären. Menschen, die eine ganz klare Führung und Sinngebung brauchen.

Du hast in einem anderen Interview gesagt, das mittlerweile für diese Szene die „sozialen Medien“ schon eine wichtigere Funktion haben als die vielzitierten „Hinterhofmoscheen“…

Definitiv. Die Rekrutierung findet normalerweise nicht in Moscheen statt. Es gibt in Wien zwei oder drei problematische Moscheen, wo schon auch die Imame dieser Ideologie folgen. Die eigentliche Kontaktaufnahme erfolgt aber entweder durch die eigene peer group, also innerhalb einer Jugendszene, oder eben aber über die sozialen Netzwerke im Internet. In die Moschee gehen die dann hin, wenn sie schon „bekehrt“ worden sind, aber dir Radikalisierung findet meist schon woanders statt. Es gibt schon Moscheen wie in Wien z. B. am Hubertusdamm, die da ins Gerede gekomen ist, die ist sicher sehr konservativ und saudisch geprägt, aber nicht neo-salafistisch oder gar djihadistisch. Da gibt’s schon aber Akteure der Salafisten, die da hingehen und schauen ob sie wem auflesen können, aber das geht nicht vom Imam oder den Betreibern der Moschee aus. Die befürworten das nicht, im Gegenteil.

Wenn wir bei Moscheen sind – sind dir sonst in Österreich diesbezüglich problematische Häuser bekannt? In Graz gibt’s ja diese Tawhid-Moschee, wie schauts in Oberösterreich aus?

In Oberösterreich ist mir keine definitiv neo-salafistische oder gar djihadistische Moschee bekannt. Aber es gibt in Oberösterreich neo-salafistische Gruppen, die z. B. diese „Lies!“-Kampagne betrieben und mit Infoständen in den Städten präsent waren. Wobei man unterscheiden muss zwischen Neo-Salafismus und Djihadismus. Letzteres ist noch einmal eine Radikalisierung, etwas was aus dem Neo-Salafismus hervorgeht, aber nicht jeder Neo-Salafist wird Djihadist, das ist noch eine weiterer Schritt. Also Neo-Salafisten gibt’s in Oberösterreich, nicht nur in Linz, auch z. B. in Steyr.

Eine Frage zur Gesetzeslage: Hältst du die bestehenden Gesetze für ausreichend?

Ich persönlich halte sie für ausreichend. Man müsste natürlich da natürlich auch den Verfassungsschutz fragen, wie die das sehen. Bei den Rückkehrern aus Syrien sehe ich das Problem, das sich eben denen kaum was nachweisen lässt, was sie dort gemacht haben. Das würde sich auch durch schärfere Gesetze nicht ändern. Wo es sicher Änderungen braucht ist die Präventionsarbeit. Da muss viel mehr investiert werden. Die Politik muss sich auch überlegen, wie sie Rahmenbedingungen schaffen kann für junge Leute, dass diese nicht radikalisiert werden. Auf der gesetzlichen Ebene ist meiner Meinung nach das Instrumentarium da, potentielle Terroristen zu verfolgen, und auch die Überwachungsinstrumentarien.

Beim Thema Prävention, da wären wir da bei euren Verein, der dieser Tage gegründet worden ist. Vielleicht magst du da noch was erzählen…

Der Verein heißt Netzwerk sozialer Zusammenhalt Das ist so entstanden: Bei mir haben sich schon in der Vergangenheit immer wieder Angehörige oder Freunde von radikalisierten Jugendlichen gemeldet. Ebenso bei Moussa Al-Hassan Diaw, der übrigens aus Oberösterreich ist. Die Leute haben keine professionellen Ansprechpartner, und haben dann halt irgendjemand gesucht, der sich da auskennt und sind so auf uns gestoßen. Wir sind halt dann zum Entschluss gekommen, dass es nicht ausreicht, wenn wir die Leute halt dann ehrenamtlich im Kaffeehaus ein bißchen beraten, das ist zu wenig. Es gibt also großen Bedarf nach einer Beratungsstelle, die aber auch die Infos aus den Gesprächen sammelt – natürlich anonymisiert – und in die Beratung zurückfließen lässt. Die Szene verändert sich sehr schnell, ist ständig in Bewegung, wir haben es immer wieder mit neuen Gruppen und Bewegungen zu tun. Wichtig ist, das bei uns die Kompetenzen zusammen fließen, das halte ich für absolut notwendig. Moussa ist islamischer Religionspädagoge, ich bin Politikwissenschafter, man braucht aber auch entsprechende psychotherapeutische, sozialarbeiterische Zugänge. Wir haben auch eine Betroffene an Bord, ein Verwandter von ihr ist als Djihadist gestorben, sie möchte eine Angehörigengruppe aufbauen. Also ein sehr breites Spektrum. Funktionieren wird das natürlich nur dann, wenn es auch von politischen Entscheidungsträgern unterstützt wird.

Hats da schon Kontakte gegeben?

Es gibt Kontakte und auch Signale, dass das erwünscht ist. Wir werden in den nächsten Wochen sehen, ob es, wenn die Sache aus den Medien verschwindet, immer noch der Fall ist.
Man hat ja vor diesem Phänomen schon jahrelang gewarnt, du, zum Teil auch ich im Rahmen meiner Vorträge zu Jugendkulturen. Es ist leider jahrelang nicht passiert…
Wir sind natürlich mit vielen zu spät dran. Jetzt hab ich das Gefühl, das es zumindest kurzfristig ein Aufwachen gibt, die Frage ist ob das zu tatsächlicher Aktivität führen wird…

Danke für das Interview!

Anmerkung: Moussa Al-Hassan Diaw vom Netzwerk sozialer Zusammenhalt ist Samstag, den 11. Oktober 2014 beim Netzwerktreffen im Bildungshaus Puchberg zu Gast

Lintipp: http://www.derad.at

Ein Kommentar zu “Salafismus als Massenphänomen?

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